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Vom 16. bis 20. September 2003 fand der V. Deutsch-Türkische Psychiatriekongress - organisiert von der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit e.V. (DTGPP) - auf dem Essener Campus der Universität Essen-Duisburg statt.
Die deutsch-türkischen Psychiatriekongresse sind mit dieser fünften Veranstaltung zu einem festen Bestandteil regelmäßiger, psychiatrischer Veranstaltungen in Deutschland und der Türkei geworden. Dabei zeichnet es die deutsch-türkischen Psychiatriekongresse aus, dass sie interdisziplinär ausgerichtet sind und Psychiater, Psychologen, Sozialpädagogen, Pflegeberufe und Sozialwissenschaftler ansprechen.
Die Tagung war mit mehr als 300 Teilnehmern sehr gut besucht und ermöglichte auf Grund durchgehender Simultanübersetzung zwischen Deutsch und Türkisch auch den fachlichen Austausch zwischen deutschen und aus der Türkei eingeladenen Referenten und Teilnehmern.
Obwohl es in den vergangenen Jahren - sicherlich auch der Anregung durch die vorhergehenden Deutsch-Türkischen Psychiatriekongresse zu verdanken - positive Entwicklungen bezüglich der medizinischen und psychosozialen Versorgung von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland gibt, bestehen weiterhin Defizite in Forschung, Lehre und Versorgung. Auch der Austausch zwischen den Fachleuten beider Länder bedarf der Intensivierung und Pflege.
Unter den speziellen Tagesthemen wurde daher in Essen besonderer Wert auf den interkulturellen Deutsch-Türkischen Dialog gelegt. In den Plenarsitzungen der Vormittage wurden Hauptvorträge - thematisch sich ergänzend - jeweils von deutschen und türkischen Referenten angeboten. Somit konnte sich durchgängig ein Dialog zwischen türkischen und deutschen Fachleuten entwickeln, der dann Grundlage für die folgenden Workshops und freien Vorträge legte.
Die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Kongresses wurde durch die gemeinsame Schirmherrschaft der Staatspräsidenten Deutschlands und der Türkei dokumentiert. Bundespräsident Dr. Johannes Rau und der Präsident der Republik Türkei Ahmet Necdet Sezer würdigten auf diese Weise die Zusammenarbeit beider Länder wie auch die Zielsetzung des Kongresses.
Eröffnet wurde der Kongress mit Grußworten: Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) wies auf die Bedeutung der Integration von Migranten in die medizinischen Versorgungssysteme hin. Dr. Klaus Lefringhausen, Integrationsbeauftragter der Landesregierung Nordrhein-Westfalen erläuterte Schwierigkeiten der Integration und äußerte die Befürchtung, im kommenden Europawahlkampf könnte Stimmung gegen die Integration von Migranten und Ausländern gemacht werden. Es schlossen sich Grußworte der Kongresspräsidentin Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning von der Universität Essen-Duisburg, sowie der beiden Vorsitzenden der DTGPP, Frau Dr. İnci User aus Istanbul und Dr. Eckhardt Koch aus Marburg an.
Anschließend führte der Ehrenpräsident der DTGPP und Kongresspräsident der ersten drei Deutsch-Türkischen Psychiatriekongresse, Prof. Dr. Metin Özek aus Istanbul, in seinem Festvortrag unter dem Thema "Damals in Deutschland - vor 50 Jahren: Meine Begegnung als einer der ersten Gastarbeiter mit den Deutschen" in die Thematik des Kongresses ein. In diesem lebendigen Vortrag mit zahlreichen Anekdoten aus seiner persönlichen Erfahrung zeigte er anschaulich die Problematik von Missverständnissen in der interkulturellen Begegnung, erläuterte theoretisch fundiert die Entstehung von Zweifel und Unbehagen in der Begegnung mit Fremden und legte einen wichtigen Grundstein zum Gelingen des Kongresses.
Prof. Dr. Faruk Şen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien, würdigte in seinem Grußwort beim anschließenden Empfang in seinem Essener Institut die Bedeutung der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosoziale Gesundheit für die Zusammenarbeit zwischen der deutschen und türkischen Psychiatrie, wie auch für die Verbesserung der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung von Migranten aus der Türkei in Deutschland.
Der erste Kongresstag befasste sich mit dem Thema "Liebe und Sexualität". Eingeleitet wurde er von Prof. Dr. Gunter Schmidt aus Hamburg mit dem Vortrag "Spätmoderne Sexualverhältnisse - über den Wandel von Moral, Beziehung und Sex". Es wurden einerseits Veränderungen in den Geschlechterrollen als gesellschaftliches Phänomen in ihrem kulturellen und sozialen Kontext beschrieben, andererseits an Hand von empirischen Studien veränderte Lebenssituationen dargelegt. Der Referent berührte wichtige Themen der spätmodernen Beziehungskultur in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern, wie z.B. die Zunahme von Single-Haushalten, von alleinerziehenden Eltern sowie den Rückgang von Eheschließungen. Prof. Schmidt interpretierte die Veränderungen von Positionen und Rollen als Konsequenz der fortschreitenden Individualisierung und Ent-Traditionalisierung. Sexualität sei aber entgegen manchen Einschätzungen, die sich aus der oberflächlichen Beobachtung herleiten, keineswegs beliebiger geworden, sondern weiterhin "im Griff" fester Beziehungen ("Wiederholungs-Single"). Das Lebensmuster der Singles sei selten ein selbst gewähltes Ideal, viel häufiger eine Phase zwischen festen Beziehungen.
Der folgende Vortrag von Frau Prof. Dr. Fatmagül Berktay aus Istanbul beschrieb Übereinstimmung der monotheistischen Religionen hinsichtlich des Umgangs mit Frauen und die gesellschaftliche Überwachung des weiblichen Körpers. Die Religionen seien in ihrer ursprünglichen Form einer patriarchalischen Orientierung verpflichtet. Sie erläuterte den Zusammenhang zwischen soziokulturellen Voraussetzungen und Ansprüchen an die Frau (weiblicher Körper als "Besitz" des Vaters/Ehemannes) und dem Selbsterleben der Frauen, insbesondere in Bezug auf ihren Körper. Die Ausführungen von Frau Berktay sind für das Verständnis von somatoformen Beschwerden bei Migrantinnen aus dem muslimischen Raum bedeutsam, wenngleich keine empirischen Daten berichtet wurden, die Aufschluss geben über die Konflikte in Phasen des soziokulturellen Wandels.
Die Diskussion zu diesem Vortrag wurde sehr vorsichtig geführt - ein Hinweis darauf, dass ein offener interkultureller Diskurs keine Selbstverständlichkeit darstellt, sondern auch "gelernt" werden muss.
Das Thema von Frau Prof. Dr. Şahika Yüksel aus Istanbul lautete: "Wie Frauen mit Gewalterfahrungen in der Familie gestärkt werden können - die Lage der Psychotherapie: Erfahrungen aus der Türkei". Sie sprach über innerfamiliäre Gewalt gegen Frauen, die mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit geringer werde und wies anhand ihrer Erfahrungen mit traumatisierten Frauen aus einem Frauenhaus und der Institutsambulanz der Universitätsklinik in Istanbul auf die Notwendigkeit fachlich-psychotherapeutischer Behandlung und konkreter und aktiver Hilfestellung hin. Mit Nachdruck mahnte sie eine kritische Prüfung realistischer Therapieziele an, da die meisten Frauen keine Alternative zu einer Rückkehr in ihre Familien hätten.
Die Diplompsychologin Hamidiye Ünal berichtete anschließend über ihre therapeutische Arbeit im Flüchtlingsberatungszentrum der Caritas in Köln, die plastisch an Hand eines ausführlichen Fallbeispieles illustriert wurde und auf ein brennendes gesellschaftspolitisches Problem in Deutschland hinwies: kompetente Begutachtung und Behandlung für traumatisierte Flüchtlinge ist nach wie vor unzureichend.
Den Nachmittag des ersten Kongresstages leiteten zwei parallele Veranstaltungen ein. Zum Thema "Islam und Sexualität" zeigte Prof. Dr. Hayrettin Kara neben speziellen Tabus (u.a. vaterlose Kinder) anhand des Korans eine grundsätzlich sexual- und lustfreundliche Einstellung des Islam auf. Dr. İlhan Kizilhan wies auf die Bedeutung der Wiederherstellung der Ehre für den therapeutischen Prozess hin und Frau Dr. Yeşim Korkut beschrieb eine Befragung von Migrantinnen aus Russland und deren Statusverlust nach der Migration. Frau Dr. Nermin Çiftçi referierte eine interessante Studie zur Einstellung von Studenten bezüglich der Sexualität.
Das Panel "Sexualität in Paarbeziehungen" stellte aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen vor, u. a. von Dr. Gaby Straßburger zum Spektrum der Partnerwahlmodi, das von arrangierten bis zu selbst gewählten Ehen reicht.
Den Abschluss bildeten zwei parallele Workshops zu "Psychotherapie und Inanspruchnahme" (Dr. Yesim Erim und Dozent Dr. Kaan Kora) sowie "Sexualerziehung" (Prof. Dr. Ayşen Bulut und Meral Renz), die ebenfalls von Referenten aus Deutschland und der Türkei gemeinsam geleitet wurden.
Die wissenschaftliche Leitung und die insgesamt gelungene Auswahl der Referenten dieses Tages lagen bei Frau Prof. Dr. Şahika Yüksel, Dozent Dr. Kaan Kora aus Istanbul und Frau Dr. Yeşim Erim aus Essen.
Der zweite Kongresstag wurde zu dem Thema "Familie und Familiendynamik" von Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning aus Essen, Frau PD Dr. Renate Schepker aus Hamm und Frau Dr. İnci User aus Istanbul inhaltlich zusammengestellt und organisiert.
Den Ausfall des Eingangsvortrages von Prof. Dr. Nauck wegen einer plötzlichen Erkrankung glich Frau Prof. Dr. Boos-Nünning mit ihrem erweiterten Vortrag "Individualismus und Familialismus in Familien mit türkischem Migrationshintergrund" aus. Die Kongresspräsidentin machte die Breite an familiären Strategien, Ressourcen und positiver Integration trotz teilweise schwieriger Bedingungen wie Unterschichtung, wohnortbezogener Nachteile und statistisch noch geringer Partizipation deutlich. Türken in Deutschland seien stärker familiar/kollektivistisch orientiert als Türken in der Türkei. Eine eigene Studie an Mädchen unterschiedlicher Herkunft habe keine Bestätigung für die postulierte patriarchalische Autoritätsausübung erbracht, vielmehr sei eine selbstgewählte Lebensform festgestellt worden.
Frau Prof. Dr. Çiğdem Kağıtçıbaşı aus Istanbul präsentierte ein erweitertes, interaktives Modell von Familienbeziehungen in der Türkei, das gegenüber Anforderungen einer sich schnell verändernden Gesellschaft Stabilität gewährleisten kann durch Vorteile eines "Bindungsstiles". Sie beschrieb Nähe und Autonomie als unabhängige Dimensionen, die sich nicht ausschließen müssten.
Die zentrale Hypothese von Frau Prof. Dr. Güler Fişek aus Istanbul betraf das Zurückführen des "Bindungsstiles" und der in bestimmten Formen tradierten Organisations- und Beziehungsformen türkeistämmiger Familien auf frühe Eltern-Kind-Interaktionen und Erziehungsstile. Mit Vergleichen zu weiteren Kulturen wie Japan, Erkenntnissen der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie und eigenen empirischen Befunden wurde hier eine bisher unveröffentlichte Synthese kulturübergreifenden Denkens dargestellt.
Anschließend erörterten Referenten aus Deutschland und der Türkei Untersuchungen zu jeweils ähnlichen Forschungsthemen:
So hatten Frau Prof. Dr. Füsün Çuhadaroğlu Çetin aus Ankara und Herr Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort aus Hamburg beide Lebenswelten Jugendlicher erforscht, die viel Auskunft über Familiengewohnheiten, Freizeitverhalten in Deutschland und der Türkei in guter Vergleichbarkeit ergaben. Für die Zuhörer war die unerwartet hohe Familieneingebundenheit des repräsentativen Samples deutscher Jugendlicher ebenso frappierend wie die wachsende Autonomie von Jugendlichen in der Türkei.
Des Weiteren wurde eine transkulturelle Studie über Scheidungskinder in Deutschland und der Türkei von Frau Dr. Seniz Pamuk aus Istanbul vorgestellt, die darlegte, wie wichtig eine Schuldentlastung der Kinder bezüglich elterlicher Konflikte auch aus transkultureller Sicht ist. Eine Erklärung von Gründen gegenüber Kindern ist hier, obwohl kulturell unüblich, eine sinnvolle Strategie.
In den Nachmittagssitzungen wurde u.a. eine Replikation der Essener Schüler-Studie zu Kontrollüberzeugungen von Frau Dr. Monika Schreiber aus Berlin präsentiert. Sie legte dar, dass unter türkeistämmigen Zuwandererfamilien magische Kontrollüberzeugungen (wie der "böse Blick") noch verbreitet seien, dass aber Krankheitskonzepte wie der "Nabelfall", die einem feudal-bäuerlichen Umfeld zugerechnet werden können, unter hier aufgewachsenen Jugendlichen kaum noch transportiert werden.
Familientherapeutische, metaphorisch-kreative Zugangsweisen wurden von Dr. Osman Sabuncuoğlu aus Istanbul erläutert. Am Beispiel des Einsatzes von bedeutsamen Gegenständen im Alltag (Fernbedienung) erhielten die Zuhörer Aufschluss über familiäre Interaktionsformen und wurden zum Einsatz von Symbolen und zur Erforschung sehr konkreter Alltagsabläufe ermutigt.
Den zweiten Kongresstag schloss der Kulturvortrag von Dr. Friedhelm Katzenmeier aus Augsburg "Arabisch-jüdische Tradition in der Geschichte der Medizin" ab. Der Referent schlug einen Bogen von dem ägyptischen Universalgelehrten Imhoteb (3000 v. Chr.) über die babylonische Medizin bis hin zum arabischen Mittelalter und dem Kalifat von Cordoba sowie den ersten psychiatrischen Krankenhäusern im arabischen Raum und zeigte den Reichtum der arabisch-jüdischen medizinischen Traditionen auf. Dieser Vortrag wurde hervorragend spontan von der zweiten Vorsitzenden der DTGPP, Frau Dr. Inci User, übersetzt, da aus technischen Gründen die Simultanübersetzung ausgefallen war. Das somit neu geschaffene Vortragspaar war ein gutes Beispiel für die Lebendigkeit und Kreativität des deutsch-türkischen Austausches.
Der dritte Kongresstag befasste sich mit dem Thema "Therapeutische Beziehung und Versorgungsfragen" und war wissenschaftlich vorbereitet und organisiert von Prof. Dr. Yunus Emre Evlice aus Adana, Frau Dr. Meryam Schouler-Ocak aus Hildesheim und Dr. Norbert Hartkamp aus Düsseldorf.
Das Thema "Versorgung, Strukturen und Entwicklungsperspektiven der Psychiatrie der Türkei" referierte in Vertretung für den kurzfristig verhinderten türkischen Kongresspräsidenten Prof. Dr. Evlice Herr Prof. Dr. Cengiz Güleç aus Ankara. Prof. Dr. Güleç fundierte seine Analyse des türkischen Gesundheitswesens durch einleitende Ausführungen zur Geschichte der Psychiatrie. Seine Darstellung der aktuellen Versorgungssituation in der Türkei betraf dann mehr allgemeine Aspekte der psychiatrischen Institutionen und diskutierte therapeutische Grundhaltungen.
Eine differenzierte Analyse der bestehenden Versorgungssysteme wurde dann von Prof. Dr. Jürgen Fritze aus Pulheim in seinem Vortrag "Versorgungsstrukturen und Entwicklungsperspektiven der Psychiatrie in Deutschland" für das deutsche Versorgungssystem entwickelt.
Die lebhafte Diskussion dieser beiden Vorträge machte das Bedürfnis der Zuhörer deutlich, vor allem mehr über die konkrete Situation der psychiatrischen und psychosozialen Versorgung in der Türkei zu erfahren. Es bleibt zukünftigen Veranstaltungen vorbehalten, diese Thematik zu vertiefen.
In dem zweiten Vortragspaar berichtete zunächst Prof. Dr. Mehmet Sungur aus Istanbul über "Entwicklungsgeschichte kognitiv-behavioraler Therapieformen: Gestern, Heute und Morgen sowie die Interaktion in der Therapeut-Patient-Beziehung". Prof. Sungur ging auf die zentralen Aufgaben des Therapeuten ein, nämlich zuzuhören, verständliche Auskunft zu geben, flexibel, empathisch und vertrauenserweckend zu sein. Diese zentralen Aufgaben würden für die Verhaltenstherapie in gleichem Maße bestehen wie für andere Therapierichtungen. Durch die kognitive Theorie werde Verhaltenstherapie attraktiver und ermögliche eine bessere Strukturierung des Therapieprozesses.
Prof. Dr. Dr. Ulrich Rosin aus Bad Krozingen beleuchtete dann die "Arzt-Patient-Beziehung aus Sicht eines Psychoanalytikers". Er beschrieb die psychosomatische Medizin als personen-zentrierten Zugang und widmete Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehungen intensive Betrachtungen. Therapeutische Distanz und Abstinenz verstand er als bewussten, professionellen Verzicht darauf, sich unreflektiert von eigenen Gefühlen leiten zu lassen.
In zwei parallelen Nachmittagsveranstaltungen zum Thema "Praxis der interkulturellen Psychotherapie" und "Empirie der interkulturellen Psychotherapie" wurden Veränderungen der Patientenstruktur einer psychosomatischen Klinik von Reinhard Fröschlin aus Bad Segeberg wie auch subjektive Krankheitstheorien von Sanja Hodzic aus Berlin vorgestellt. Der Psychoanalytiker Fatih Güç aus Berlin wies auf die identitätsbildenden Aspekte des Schamaffektes hin. Frau Dr. Ernestine Wohlfart aus Berlin beschrieb die Arbeit der transkulturell-psychiatrischen Abteilung an der Charité und betonte, Kultur entstehe durch Auseinandersetzung mit dem Fremden.
Das parallele Panel der empirischen Untersuchungen reichte von fundierten quantitativen Studien von Dozent Dr. Kemal Sayar aus Trabzon, der über Somatisierungsmerkmale bei depressiv Erkrankten sprach sowie eine klinische Untersuchung über Aggressivität von Dr. Michael Grube aus Frankfurt, der keine vermehrte Aggressivität bei psychiatrisch stationär behandelten Menschen mit Migrationshintergrund finden konnte und somit bestehende Vorurteile entkräftete bis hin zu einer qualitativen Forschungsarbeit über sprachliche, kulturelle und ethnische Missverständnisse in der therapeutischen Behandlung, vorgestellt von Dipl.-Psych. Ali Kemal Gün aus Köln.
Ein wesentlicher Bestandteil dieses Kongresstages war der Klinikmarkt, bei dem spezielle Konzepte zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Migrationshintergrund von mehr als zehn Kliniken in Deutschland vorgestellt und diskutiert wurden. Die Konzepte waren den Teilnehmern als Poster während des gesamten Kongresses zugänglich. Bei dem breiten Raum für Posterdiskussionen, die täglich möglich waren, wurden hier lebhafte Nachfragen und großes Interesse an den bestehenden Konzepten deutlich.
Den Abschluss des Kongresses bildete dann das Thema "Forschungsdesiderate und Versorgungsperspektiven" am vierten Kongresstag, das von Frau PD Dr. Ursula Brucks aus Hamburg und Frau Dr. Yeşim Korkut aus Istanbul erarbeitet und organisiert worden war.
Auftakt und zentrale Veranstaltung dieses Schwerpunktes war eine Podiumsdiskussion, die von Frau Prof. Dr. Günsel Koptagel-İlal aus Istanbul und Frau PD Dr. Brucks moderiert wurde. Das Podium wurde mit Beiträgen der eingeladenen Diskussionsteilnehmer eröffnet. Dr. Jürgen Collatz erläuterte in einem Rückblick, die Migrationsforschung in Deutschland habe mit dem Familiennachzug, also mit der Gesundheit der Kinder und Frauen und der Geburtshilfe begonnen. Die Gruppe der Migranten sei ursprünglich relativ homogen gewesen, heute hingegen sei Zuwanderung ein wesentlich komplexeres Phänomen und die Forschung werde erschwert durch fehlende Einheitlichkeit der statistischen und epidemiologischen Erfassung und Abbildung von migrationsbezogenen Merkmalen. Vergleichbar dem Geschlecht in der Genderforschung wäre Migrationshintergrund auf alle Fragestellungen als differenzierendes Merkmal anzuwenden. Neue Fragestellungen der Gesundheitspolitik, wie z.B. stärkere Selbstverantwortlichkeit der Patienten, müssten auch für Migranten untersucht werden, um eine adäquate Beteiligung dieser wachsenden Bevölkerungsgruppe an den Leistungen der Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.
Frau Dr. Theda Borde aus Berlin unterstrich die Forderung, Migration bzw. Migrationshintergrund als soziographisches Merkmal in alle sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Forschungsvorhaben aufzunehmen. In den Niederlanden wird z.B. nach dem eigenen Geburtsort und dem Geburtsort der Eltern gefragt.
Frau Dr. Ute Dreckmann (MdL, NRW) formulierte als Sprecherin des Landtagsausschusses für Migrationsangelegenheiten Anforderungen an Forschung und Gesundheitsberichterstattung aus der Perspektive der Politikentwicklung. Forschung müsse dazu beitragen, Handlungsbedarf rechtzeitig und richtig zu erkennen und in einer Form zu beschreiben, dass klare Handlungsvorschläge für Politik ableitbar sind. Dazu gehört auch Evaluationsforschung, um die Wirkung bestimmter Programme und Maßnahmen beurteilen zu können. 5% aller Ärzte in Deutschland seien ausländischer Herkunft, stammten jedoch kaum aus den klassischen Einwanderungsländern für Arbeitsmigration.
Das Plenum lenkte die Aufmerksamkeit nochmals auf die Entwicklung der psychosozialen Versorgung. Hier wurde der Bedarf an Sozialberatung im weitesten Sinne formuliert, d. h. die Beschäftigung mit den sozialen Folgen von Krankheit und den Möglichkeiten, durch soziale Unterstützung die Ressourcen von Familie und Communities zu stärken. Erneut kam das Thema "Versorgung traumatisierter Flüchtlinge/Abschiebung" sowie die Frage, wie Behandlungsmöglichkeiten in der Türkei tatsächlich aussehen, in den Blickpunkt. Hier besteht ein Klärungsbedarf aus der Perspektive der Praxis, der durch Richtlinien für die Begutachtung, aber auch durch Handlungsleitlinien für die amtlichen Instanzen beantwortet werden müsste.
Anschließend fanden noch zwei parallele Workshops statt. Der Workshop "Diagnostik in der Psychiatrie, Psychotherapie und Forschung - Stand der Erfahrungen" entwickelte aus drei Perspektiven die Bedeutung, die eine fallbezogene Betrachtungsweise in der Diagnostik hat. Auch bei Einsatz standardisierter Diagnostik ist es außerordentlich wichtig, die Tests durch eine individuelle Exploration zu ergänzen, erläuterte Dr. Mehmet Toker aus Hamm. Dr. Detlev John aus Darmstadt stellte anhand der Auswertung einer großen Fallzahl sozialmedizinischer Gutachten fest, dass unabhängig von allen medizinischen Daten die Bilanzierung eines gescheiterten Lebensentwurfes über den Erfolg der Rehabilitation entscheidet. An Auszügen aus biographischen Interviews lässt sich im Einzelnen zeigen, wie komplex Fallstrukturen sind, so dass eine einfache Auflistung belastender Faktoren nicht reicht, um die Dynamik zu verstehen, argumentierte Heidrun Schulze aus Kassel.
Der Workshop "Epidemiologie und Gesundheitsforschung" hatte zwei Themenschwerpunkte: Die Möglichkeiten international vergleichender Studien wurden am Beispiel der Notfallversorgung in Berlin und Diyarbakir von Dozent Dr. Ömer Satıcı diskutiert. Die notwendigen begrifflichen Voraussetzungen, insbesondere eine einheitliche Definition von Migrantin/Migrant für die Forschung wurden von Dr. Theda Borde und PD Dr. Matthias David aus Berlin sowie von Dr. Rainer G. Siefen aus Marl weiter ausgearbeitet.
Ein Novum in der Geschichte der deutsch-türkischen Psychiatriekongresse war die Möglichkeit, nach Abschluss des Kongresses noch an dem internationalen Satellitensymposium "Ethnicity and Mental Health in Europe" teilzunehmen. Führende Forscher aus zahlreichen europäischen Ländern waren unter der Leitung von Prof. Dr. Wieland Machleidt aus Hannover und PD Dr. Christian Haasen aus Hamburg zusammengekommen, um verschiedene Krankheitsbilder und deren Besonderheit unter Migranten (Sucht, Schizophrenie, Depression) sowie auch ethnische Faktoren in der Psychopharmakologie und die Notwendigkeit eines Antistigmaprogrammes zu diskutieren.
Eine weitere Neuheit, die in Zukunft intensiviert werden soll, stellten die Workshops "Kultursensible Pflege" (Elisabeth Wesselman aus München), "Wohnformen für ältere psychisch kranke Migrantinnen und Migranten" (Kurt Heilbronn aus Frankfurt und Cenk Kolcu aus Hamburg) sowie der "Hausärzte-Workshop" (PD Dr. Ursula Brucks und Dr. Eckhardt Koch) dar. Durch diese Angebote wird die interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit auch als eigenständiges Kongressformat etabliert.
Zahlreiche ein- oder zweitägige Workshops zu ganz unterschiedlichen Themen und Fragestellungen begleiteten den Kongress und boten neben der Diskussion der Vorträge den Teilnehmern auch die Möglichkeit zur eigenen aktiven Mitarbeit. Um nur einige Beispiele zu nennen: Verifizierung psychoreaktiver Traumafolgen bei Flüchtlingen und Überlebenden von Folter; Dimensionen der Therapeutischen Beziehung; Drogenkonsum bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund sowie Interkulturelle Kompetenz im Krankenhaus.
Zusammenfassend fand der Kongress, wie im Abschlussplenum durch Wortbeiträge der Teilnehmer deutlich wurde, eine positive Resonanz. Die Wahl der einzelnen Tagesthemen erwies sich als glücklich, auch die Referenten der Hauptvorträge trugen zu dem fachlich guten Niveau des Kongresses bei. Einzelne Fragen, wie z.B. das Versorgungssystem in der Türkei, die Versorgung von älteren Migranten in Deutschland oder auch die stärkere Berücksichtigung der pflegewissenschaftlichen und allgemeinmedizinischen Fragestellungen an den Kongressthemen bedürfen weiterer Vertiefung in zukünftigen Veranstaltungen.
Das Konzept der Bearbeitungen verschiedener Themen von Referenten aus Deutschland und der Türkei in aufeinander folgenden und aufeinander bezogenen "Vortragspaaren" hat sich sehr bewährt und die interkulturelle Diskussion belebt.
Insgesamt war der Kongress sehr dicht und vielleicht auch etwas überfrachtet. Dem sollte in Zukunft durch Beschränkung auf weniger Vorträge zugunsten von einer Ausweitung der Posterpräsentationen Rechnung getragen werden. Gemeinsame bilaterale Forschungsvorhaben sind auf dem Kongress initiiert worden. Diskussionsforen zu gemeinsamen Forschungsdesiderata sollten künftig an jedem Kongresstag eingerichtet werden, auch wäre es günstig, einen "Forschungsmarkt" parallel zum "Klinikmarkt" mit Posterpräsentationen z.B. zu bilingualen Forschungsinstrumenten einzurichten.
Die Resolution des V. Deutsch-Türkischen Psychiatriekongresses
Resolution des V. Deutsch-Türkischen Psychiatriekongresses in Essen
In der Zeit vom 3. - 5. Juni 2004 fand in Trabzon der XI. Ulusal Sosyal Psikiyatri Kongresi statt, an der von Seiten der DTGPP Dr. Inci User, Dr. Yesim Korkut, Dr. Meryam Schouler-Ocak, Dr. Eckhardt Koch und Prof. Dr. Metin Özek aktiv teilnahmen. Die Kongresssprache war Türkisch. Gastredner konnten ihre Beiträge in Englisch vortragen. In interkulturellen Workshops wurde simultan zwischen Türkisch und Englisch übersetzt.
Dr. İnci User hielt einen Vortrag über Body-Building: Der männliche Körper als ein gesellschaftliches Status-Symbol. Nachdem sie einen historischen Überblick über die Rolle des männlichen Körpers und ihre Bedeutung auf die Männlichkeit gab, ging sie auf die Entwicklung in jüngster Zeit ein. Sie wies darauf hin, dass der Aufbau des männlichen Körpers neben körperliche Kraft auch Männlichkeit, Potenz, symboli-siere und sich zu einem Status-Symbol entwickelt habe.
Dr. Yeşim Korkut referierte zu Neue Öffnung der Gesundheitspsychologie. In ihrem Beitrag erläuterte sie die Entwicklung, die Ausbildungsstandards und die Arbeit der Gesundheitspsychologie und zeigte Vorteile möglicher Kooperationswege mit den öffentlichen Gesundheitsdiensten auf.
Dr. Meryam Schouler-Ocak hielt einen Hauptvortrag zu Der Körper in der Fremde: Somatisierungsstörung bei Migranten türkischer Herkunft in Deutschland. Nach einem kurzen Abriss der Migrationsgeschichte der türkeistämmigen Menschen in Deutschland ging sie in Verbindung mit dem Modell des Migrationsprozesses von Sluzki auf verschiedene mögliche Krisen und die körperlichen Reaktionen bzw. Folgen ein. Diagnostisch-therapeutische Problembereiche wurden dabei besonders herausgearbeitet.
Dr. Eckhardt Koch hielt seinen Beitrag Stationäre Psychotherapie von Migranten auf Türkisch. Darin stellte er das Konzept der stationären Psychotherapie in Marburg und die ersten vorliegenden Ergebnisse auch der Befragung der einweisenden Ärzte vor. Auch er ging auf Schwierigkeiten im diagnostisch-therapeutischen Prozess ein. Den Vorsitz bei diesem Beitrag hatte Prof. Dr. Metin Özek.
Der Kongress fand im Grand Zorlu Hotel statt. Alle Veranstaltungen, gesellschaftlichen Programme und Übernachtungen fanden in einem Haus statt, so dass sich viele Gelegenheiten zum Austausch und für Kontakte ergaben und entsprechend auch genutzt wurden. Insgesamt war der Kongress gut besucht, die Atmosphäre war fast familiär angenehm.
Mit dem Veranstalter des Kongresses, der Türkischen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie, wurde der Kontakt intensiviert. Mit dem Veranstaltungsleiter des XII. Ulusal Sosyal Psikiyatri Kongresi wurde besprochen, dass die DTGPP 2005 als Mitveranstalter auftreten wird.
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