Symposium aus Anlass des 10-jährigen Bestehens der DTGPP

Symposium aus Anlass des 10-jährigen Bestehens der DTGPP

Symposium zum 10-jährigen Bestehen der DTGPP

Am 12.03.05 fand in Marburg ein Symposium zum 10-jährigen Bestehen der Deutsch-Türkischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosoziale Gesundheit statt.

Das Symposium, zu dem Mitglieder der DTGPP, Psychiater, Psychologen, Sozialarbeiter, Mitarbeiter von Beratungsstellen und Krankenpflegepersonal eingeladen waren, widmete sich neben klassischen psychiatrischen Themen auch kulturgeschichtlichen Themen.

Nach Grußworten des designierten Marburger Oberbürgermeisters Vaupel, der Referentin des Hessischen Sozialministeriums Susanne Nöcker und des president-elect der DGPPN Prof. Wolfgag Gaebel stellte der Vorsitzende der DTGPP Eckhardt Koch einen “Rück- und Ausblick” zur psychiatrischen und psychosozialen Versorgung von Migranten in Deutschland vor. Nach einem historischen Abriss über die Geschichte der türkischen Migration nach Deutschland stellte er aktuelle Daten vor, die in 12 psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Kliniken erhoben wurden. Hierbei wurde, besonders auch in der kontrastierenden Angrenzung zu einer ebenfalls untersuchten Gruppe von Aussiedlern, deutlich, dass fast ein Drittel der türkeistämmigen Migranten in Deutschland geboren ist und dass ein erheblicher Teil der türkeistämmigen Migranten eine deutsche Staatsbügerschaft besitzt. Diagnostische Unterschiede fanden sich zwischen den untersuchen Gruppen dahin gehend, dass bei den türkeistämmigen Migranten der Anteil von affektiven Störungen und psychotischen Erkrankungen in den Vordergrund trat, während bei den Aussiedlern v.a. Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen prominent waren. 

Im zweiten Teil seines Vortrags ging E. Koch auf die in der bundesdeutschen Öffentlichkeit bestehenden Vorbehalte gegenüber dem Bemühen um Integration türkeistämmiger Mitbürger ein. Dabei ging es auch um die in jüngster Vergangenheit in der Öffentlichkeit diskutierten so genannten “Ehren-Morde” an türkischen jungen Frauen, oder um die jüngst angestoßene Diskussion um die Inhaber zweier Staatsbürgerschaften, wobei sich politische Kräfte es zum Teil zum Ziel gesetzt haben, diesen Mitbürgern ihr Wahlrecht bei anstehenden Wahlen streitig zu machen. Am Beispiel des ebenfalls in jüngster Zeit wieder diskutierten Falls des jugendlichen Straftäters “Mehmet” verdeutlichte Koch, dass Abschiebung niemals eine erfolgreiche Strategie zur Lösung sozialer Probleme sein kann.

Der Ehrenvorsitzende der DTGPP, Prof. Metin Özek aus Istanbul erörterte in seinem Vortrag die historische und die gegenwärtige Beziehung zwischen Deutschen und Türken vor dem Hintergrund des aktuellen Bemühens der Türkei um Aufnahme in die EU. Dabei machte er deutlich, dass die Türkei selbst schon sei Jahrhunderten ein Einwanderungsland ist, und er zeichnete die frühe Einwanderung von Türkenstämmen nach Anatolien, die nach dem 7. Jahrhundert mit den ortsansässigen Ethnien verschmolzen, die Einwanderung der Seltschuken und den Einfluss der Osmanen nach. Aber auch andere asiatische, semitische, aramäische, persische und kaukasische Völkerschaften oder auch die sephardischen Juden aus Spanien und Einwanderer aus den Balkanländern prägten das multikulturelle Gesicht der Türkei. So stellt die heutige Türkei ein Kulturkonglomerat dar, welches unter einem vorherrschenden islamisch-vorderorientalischen Deckmantel durchaus auch schamanistisch-manichäistische Traditionen bewahrt hat. M. Özek verdeutlichte, wie die Verwestlichung der Türkei schon zum Ende des 17. Jahrhunderts einsetzte, wie sich diese aber v.a. auf die Bereiche technischer Errungenschaften und des Militärwesens beschränkte, während die gesellschaftliche Modernisierung mit diesem Prozess nicht Schritt hielt. Das gegenwärtige Bemühen um Aufnahme in die EU ist in dieser Tradition der angestrebten Verwestlichung der Türkei zuzuordnen. Der angestrebten Verwestlichung der Türkei stand auf der Seite westlicher Länder vielfach jedoch eine der Türkei ablehnende Haltung gegenüber, wie sie sich schon in den Schriften von Piscatorius, Luther, Erasmus von Rotterdam, Goethe und anderen findet. Heute gründet sich in Deutschland die Ablehnung gegenüber der Türkei auf die Inkompatibilität der Lebenswelten, die vielfach zwischen türkeistämmigen Ausländern und deutschen Inländern besteht. Mit durchaus kritischer Haltung kommentierte M. Özek, dass türkische Staatsbürger durch ihr Verhalten im Einwanderungsland die Wirkung ihres Fremdseins verstärken, statt sich um Anpassung und Einpassung zu bemühen. Dem stellte er Beispiele gelungener Integration gegenüber, wie den mehrfach zum deutschen “Unternehmer des Jahres” gewählten Kemal Sahin, den erfolgreichen Touristik-Unternehmer Vual Öger, die westdeutsche Schönheitskönigin “Asli”, die Politiker Lale Akgün und Cem Özdemir oder den Filmemacher Fatih Akin.

Priv.-Doz. Dr. Martin Greve berichtet in einem begeistert aufgenommenen Vortrag über Traditionen türkischer Musik und ihre Wandlung und Beeinflussung durch die Migration. Er unterschied vier Musiksprachen innerhalb der türkischen Musik: die klassische, osmanische Musik, die anatolische Volksmusik, die europäische Musik, die in der Türkei eine lange Tradition hat und die moderne Pop-Musik mit Techno und Hip-Hop. Die türkische Musik in Westeuropa war zunächst die von türkischen Musikern aufgeführte europäische Musik, nach 1961 kam die Volksmusik hinzu, nach 1973 bis ca. 1980 kam es zu einer Ausbreitung türkischer Popularmusik, nach 1980 kamen politische Musikformen und klassische türkische Musik hinzu, und nach 1990 entwickelte sich in der dritten Generation der Zuwanderer Formen von Rock- und Popmusik, schließlich sei es ein Trend der letzten Zeit, dass eine, z.T. ironische “Selbst-Orientalisierung” in der türkischen Musik in Westeuropa, speziell in Deutschland stattfinde. In der Musik fand gerade in der Zeit zwischen 1961 und 1973 die Auseinandersetzung mit Migrationsthemen statt, bspw. in traurigen Liedern, in denen die Trennung von der Familie und der Heimat besungen wurde, aber auch in Liedern, in denen auf witzige Art die den türkischen Migranten fremd erscheinenden Bräuche der Deutschen, etwa im Rheinischen Karneval kommentiert wurden. In der Zeit nach dem Anwerbestopp entwickelte sich eine Mischform aus türkischer Volksmusik und westlichen Arrangements, die als “arabeske” Musik eine zunehmende Verbreitung fand. Bei dieser Musik standen v.a. Klagen über das Fremdsein, über die Kälte in Deutschland und die Kälte der Menschen dort im Vordergrund. Gleichzeitig entwickelte sich nun unter türkischen Rockmusikern, die sich wie Baris Mancu und andere in Deutschland aufgehalten hatten, eine eigenständige türkische Pop- und Rockmusik. Eine besondere Musikform entwickelte sich schließlich in den türkischen landsmannschaftlichen Vereinen, in denen regionale Musik zum Tanz gespielt wird, wobei die bei diesen Tanzveranstaltungen gespielte Musik häufig gleichförmig und wenig anspruchsvoll ist. Martin Greve berichtete schließlich auch über die für das türkische Musikleben in Deutschland charakteristische Erscheinung, dass hier lebende türkische Musiker Musikkassetten in der Türkei produzieren lassen, denen häufig allerdings kein großer kommerzieller Erfolg beschieden ist. 

Ein besonderes Highlight der Veranstaltung war der mittägliche “Bazar für die Sinne”: In der Mittagspause gab es nicht nur schmackhaftes türkisches Essen, sondern auch Angebote zum Sehen und Hören. Eine Gruppe junger deutscher und türkischer Schülerinnen zeigte eine Bauchtanzdarbietung; anderenorts ertönte türkische Musik oder es gab die Möglichkeit, einem Erzähler zu lauschen, der Geschichten über Nasreddin Hoca zum Besten gab. Eine zu Gunsten der DTGPP ausgerichtete Tombola mit schönen Preisen, vom wissenschaftlichen Buch bis zur Dampferfahrt auf der Spree oder einem Aufenthalt im türkischen Ferienhaus fand lebhaften Anklang.

Am Nachmittag trug Friedhelm Katzenmeier zur Geschichte des Asyls vor. In seinem packenden, kenntnisreichen und lebhaften Vortrag stellte grenzte er zunächst das Asyl vom Exil und der Emigration ab. Er betonte, dass das Asyl eine einzigartige Entwicklung des mittelmeerisch-europäischen Kulturraums sei. In historischer Perspektive macht er deutlich, dass Frieden und Schutz zunächst immer nur den Mitgliedern der eigenen Sippe oder der eigenen Ethnie zugestanden wurden, während der Fremde der gefährliche und bedrohliche “Ungenosse” war. So wie im Griechischen das Wort “Xenos” gleichzeitig “Gast” und “Fremder” bedeute, so gehe auch im Deutschen die das Wort “Gast” auf die indogermanische Wurzel “ghostis” zurück, von dem sich auch das lateinische “hostis” in der gleichzeitigen Bedeutung von “Fremder” und “Feind” ableite. Im alten Testament findet sich bereits eine Beschreibung so genannter “Freistätten”, die derjenige aufsuchen konnte, der sich bspw. einer fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hatte. Dies verschaffte ihm die Sicherheit, dass nicht sofort an ihm Rache genommen werden würde, sondern er eine Verhandlung über seine Schuld und Strafe gewärtigen konnte. Das Wort “Asyl” leite sich her vom griechischen “sylos”, der”Raub”, so dass sich “a-sylos” auf den unberaubten, den heiligen Ort, bspw. einen Tempel bezieht. Heilige Stätten waren frühe Orte des Asyls. Mit der Ausformung des römischen Rechts wurde die Asylgewährung zunehmend von de heiligen Stätten gelöst, später, in byzantinischer Zeit, wurden dann auch die Asyl unwürdigen Verbrechen, wie Majestätsbeleidigung, Gotteslästerung oder Jungfrauenraub kodifiziert. Frühe Formen der Asylgewährung haben sich bis in neueste Zeit in der Form des “Kirchenasyls” erhalten. 

In psychiatriegeschichtlicher Hinsicht waren “asylums” die ersten psychiatrischen Kliniken, in den Patienten Aufnahme fanden, im Deutschen ist auch noch der Begriff des “Obdachlosenasyls” gebräuchlich. 

In ihrem abschließenden, schönen Vortrag berichtete Regine Erichsen über die Geschichte der deutschen Migration in die Türkei in der Zeit der Nazi-Herrschaft. Sie zeichnete dazu die Geschichte des nationalsozialistischen Rassenwahns nach, wie er sich bspw. im “Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” zeigte. R. Erichsen schilderte, wie sich die Türkei bemüht hatte, im 2. Weltkrieg neutral zu bleiben. Dieses Bemühen um Neutralität führte dazu, dass die Türkei aus Deutschland stammende Emigranten nur dann aufnahm, wenn diese im türkischen Staatsdienst beschäftigt werden konnten. Das war vor allem im Hochschulbereich der Fall, so dass bspw. in der frühen Zeit der damals neu gegründeten Istanbuler Universität 80% des Lehrkörpers aus dem Ausland stammten. Die aus Deutschland ausgebürgerten Wissenschaftler, in der Türkei als “haymatloz” bezeichnet, erhielten dort allerdings nur so lange eine Aufenthaltsberechtigung, wie sie sich in türkischen Staatsdiensten befanden, was zahlreiche Emigranten dazu bewog, nach Nordamerika oder England weiter zu migrieren. Insgesamt wurde deutlich, in wie starkem Maße der emigrationsbedingte Wissenschaftstransfer den Aufbau wissenschaftlicher Einrichtungen in der jungen türkischen Republik geprägt und gefördert hatte.

Insgesamt war das Symposium zum 10-jährigen Bestehen der DTGPP eine höchst interessante, bunte, sehr anregende wissenschaftliche Veranstaltung, die es den Teilnehmern ermöglichte, auch über den unmittelbaren Bereich der psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Versorgung türkeistämmiger Migranten in Deutschland hinaus sich mit kulturellen, kulturgeschichtlichen und historischen Fragen des deutsch-türkischen Verhältnisses zu befassen.

N. Hartkamp 17.03.05

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Symposium „Interkulturelle Behandlungs- und Organisationskonzepte“

Symposium „Interkulturelle Behandlungs- und Organisationskonzepte“ am 24.11.04 in Berlin

Logo der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde)

Auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress vom 24. – 27.11.2004 in Berlin veranstaltete die DTGPP erstmals ein eigenes Symposium zu der Thematik “Interkulturelle Behandlungs- und Organisationskonzepte“. Den Vorsitz hatten Dr. Meryam Schouler-Ocak und Dr. Eckhardt Koch.

Zu Beginn des Symposiums gab Dr. Koch eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse einer Pilotstudie der AG “Psychiatrie und Migration“ der Bundesdirektorenkonferenz, deren Leiter er auch ist, bekannt. Diese werden an anderer Stelle des Rundbriefes aufgeführt.

Dr. Eckhardt Koch ging in seinem Vortrag „Stationäre Psychotherapie von Migranten in einer Psychiatrischen Klinik“ auf das Behandlungskonzept der Psychotherapiestation unter seiner Leitung in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Marburg ein. Er betonte, dass es sich bei dieser Station nicht um eine Spezialstation handele, vielmehr dass nur die Hälfte der Patienten Menschen mit Migrationshintergrund seien. Es finden Therapiegespräche auch in der Gruppe unter Hinzuziehung eines Dolmetschers statt. Die Aufnahme erfolgt nach Vorgesprächen in der Institutsambulanz, nur bei der Hälfte aller vorgestellten Fälle wird eine Indikation zur Aufnahme gesehen. Eine umfassende Auswertung der Ergebnisse der stationären Behandlung und der Katamnesen stehen noch aus. Am 20. November wurde in Marburg ein Jubiläumssymposium zum 10. Gründungsjahr der Station ausgerichtet, das von mehr als 130 Teilnehmern besucht wurde.

Dr. Meryam Schouler-Ocak stellte in ihrem Beitrag die ersten Ergebnisse einer empirischen Studie zu „Einflüsse des interkulturellen Kontextes auf die Einstellung zur Inanspruchnahme psychotherapeutischer Hilfe bei jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund im Vergleich zu Deutschen“ vor. Die Studie wurde von der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule in Hannover in Kooperation mit dem Nds. Landeskrankenhaus in Hildesheim durchgeführt. Es wurden über 300 Teilnehmer befragt. Während die eher türkisch kulturell geprägten jungen Erwachsenen eine ablehnende Haltung mit eher hoher Angst vor Stigmatisierung hatten, zeigten sich bei den restlichen türkeistämmigen jungen Erwachsenen keine Unterschiede zu gleichaltrigen deutschen jungen Erwachsenen. Weitere Untersuchungen sind geplant.

Dr. Norbert Hartkamp und Dr. Aglaja Stirn referierten über „Gegenübertragungsschwierigkeiten in der psychotherapeutischen Behandlung von Migranten“. Dabei gingen sie auf häufige Gegenübertragungskonstellationen und ihren Einfluss auf indikatorische und therapeutische Prozesse ein. Sie betonten, dass für die vielfach fehlende psychotherapeutische Behandlung von Migranten nur zum Teil sprachliche Verständigungsschwierigkeiten finden lassen. Im therapeutischen Prozess können z.B. Misstrauen und Vorurteile als Übertragungen des Therapeuten auf den Patienten oder als nicht reflektierte Gegenübertragungsreaktion als Fallstricke auftreten. Weitere Fallstricke können in einer unkritischen Haltung und in unzureichenden Kenntnissen des Therapeuten über die Lebenswirklichkeiten von Migranten begründet sein.

Dr. Friedhelm Röder ging in seinem Beitrag „Zur Förderung der interkulturellen Kompetenz in einem Allgemeinkrankenhaus“ auf die Initiierung einer Arbeitsgruppe „Interkulturelle Kompetenz des Klinikums“ als Bestandteil des Qualitätsmanagements ein. Als Migrationsbeauftragter im Klinikum Bad Hersfeld leite er diese Arbeitsgruppe. Eine Kooperation mit Frau E. Wesselmann aus München (kultursensible Pflege) sei bereits eingeleitet worden. Dr. Röder berichtete über die Gründungs- und Anfangsphase dieser AG und erläuterte ihre Aufgaben und Ziele. U. a. sollen andernorts gesammeltes Wissen im Haus weitervermittelt und eigene Lernprozesse durchlaufen werden.

Obwohl das Symposium zu einer sehr frühen Zeit angesetzt war, wurde es gut besucht. Die vorgetragenen Beiträge fanden reges Interesse und wurden lebhaft diskutiert.

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Symposium der DTGPP “Depression: Psychopathologie, Diagnose und Behandlung”

Symposium der DTGPP
“Depression: Psychopathologie, Diagnose und Behandlung”
innerhalb des 40. Nationalen Psychiatriekongresses der Türkei,
Kuşadası, 28.09.04 bis 03.10.04

'Mini-Programm' des 40.Nationalen türkischen Psychiatriekongresses mit Symposium der DTGPP

Die türkische nationale Psychiatriegesellschaft hatte es der DTGPP ermöglicht, auf dem 40. nationalen Psychiatriekongress mit einem eigenen, ganztägigen Symposium vertreten zu sein.

Diese Möglichkeit verdankte sich ganz besonders dem Interesse, der Freundlichkeit und der Gastfreundschaft der Psychiatrischen Klinik der Ege Üniversitesi İzmirals lokalem Veranstalter, vertreten durch Frau Professor Hayriye Elbi Mete und ihr Team.

Der Kongress, der in einer wunderschönen Umgebung, nur wenige Kilometer von den antiken Ausgrabungsstätten bei Ephesus entfernt stattfand, war mit ca. 1200 Teilnehmern sehr gut besucht und deckte inhaltlich die gesamte Breite moderner psychiatrischer Forschung und Praxis, von biologischer Grundlagenforschung über medikamentöse und sozialpsychiatrische Interventionen, bis hin zur psychotherapeutischen Behandlung seelischer Störungen ab.

Der Kongress konnte sich insgesamt, hinsichtlich der Organisation, der Konferenztechnik, des Rahmenprogramms, und auch hinsichtlich des wissenschaftlichen Niveaus der Beiträge fraglos mit dem Standard westeuropäischer nationaler oder internationaler Kongresse messen; dem lokalen Organisationskomittee und der Türkischen nationalen Psychiatriegesellschaft gebührt für die Gestaltung des Kongresses Dank und höchste Anerkennung.

Das Symposium der DTGPP fand an einem der zentralen Veranstaltungstage, am 30.09.2004, statt. Wir hatten für die Teilnahme Kliniker und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Institutionen, Regionen und Arbeitsbereichen gewinnen können. Unser Ziel war es, unter dem übergreifenden Thema der depressiven Störungen verschiedene Aspekte der deutschen psychiatrischen Tradition und aktuelle Befunde und Forschungsarbeiten aus Deutschland vorzustellen. Da uns viel daran lag, deutsche und türkische Kliniker und Wissenschaftler miteinander ins Gespräch zu bringen, hatten wir für das Symposium auch drei türkische Wissenschaftler gewonnen.

In der ersten Sitzung des Symposiums stellte Prof. Alfred Kraus aus Heidelberg eine Untersuchung zu Berufsstatus und Berufsprestige bei unipolar und biipolar depressiven Patienten vor. Prof. Kraus hatte diese Fragestellung an depressiven Patienten in Deutschland und in Japan untersucht, und er konnte zeigen, dass sich in der Gruppe der bipolar depressiven Patienten ein höherer Anteil von Patienten mit hohem Berufsprestige findet. Er vermutete, dass die verstärkte extravertierte und aggressive Neigung von bipolar depressiven Patienten, die diese auch ausserhalb manischer Phasen zeigen, zu dem erhöhten beruflichen Erfolg beiträgt, welcher sich darin zeigt, dass diese Patienten häufiger Berufe mit höherem Sozialprestige ergreifen. Prof. Matthias Franzaus Düsseldorf stellte eine Untersuchung zu einem Thema vor, das in der Türkei erst allmählich beginnt, Bedeutung zu gewinnen: Die Auswirkungen die es auf Kind und Mutter hat, wenn, z.B. infolge von Ehescheidungen de Familie unvollständig bleibt und der Vater fehlt. Er konnte zeigen, dass diese Situation sowohl Mütter als auch Kinder vermehrt psychisch und psychosozial belastet, dabei waren vor allem die Söhne vom Fehlen des Vaters vermehrt betroffen. Prof. Can Cimili stellte in seinem Referat Überlegungen zur demografischen und kulturellen Bedingungen depressiver Störungen und zu der Frage vor, wie sich diese in der Türkei darstellen.

In der zweiten Sitzung stellte Dr. Claudio Garcia aus Bad Hersfeld spannende psychopathologische Überlegungen zu der Frage vor, wie in der Depression Symptome aus Symptomen entstehen. Insbesondere ging es ihm um die Frage der Entstehung von Agitation aus der primären Hemmung des depressiv Kranken. Dr. Dr. Martin Bürgy aus Heidelberg bezog sich in seinem Vortrag über die Psychopathologie des Zwanges auf klinische Bilder, mit welchen der Behandler depressiver Störung bei seinen Patienten v.a. dann konfrontiert ist, wenn bei einem Patienten gegenwärtig keine depressive Episode vorliegt. Dr. Bürgy stellte dabei die Unterscheidung von primären und sekundären Zwangssymptomen in den Vordergrund, deren differenzierende Betrachtung es erst ermöglicht, Zwangskrankheit von Zwangsyndromen bei anderen Erkrankungen zu unterscheiden. Aus dieser differenzierenden Betrachtung und auch aus einer Betrachtung spezifischer auslösender Situationen der Zwangserkrankung, welche mit den Mitteln einer allein deskriptiv-klassifikatorischen psychiatrischen Diagnostik nicht zu erzielen sei, ergebe sich dann auch folgerichtig ein primär psychotherapeutischer Behandlungszugang zur Zwangserkrankung. Prof. Levent Küey aus Istanbul präsentierte einen bewegenden Vortrag zum Thema “Zurück zu den Wurzeln: Was ist Depression”. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellte er die allen Menschen gestellte Aufgabe, sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen.

Im dritten Block berichtete Dr. Martina Klein aus Aachen über neue Befunde von Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren zur Verarbeitung negativer Affekte bei Depressiven. Hierbei wurden als Stimuli standardisierte affektexpressive Gesichtsdarstellungen eingesetzt und es wurden gleichzeitig visuell evozierte Potenziale und PET-Scans abgeleitet. Diese Kombination von visueller Darbietun affektiver Stimuli und gleichzeitiger Ableitung von PET-Scans stellt eine methodische Novität dar. Dr. Stefan Winter aus Langenfeld berichtete aus der Sicht des psychiatrischen Klinikers über die nützlichen und hinderlichen Einflüsse von antidepressiver Medikation auf die psychotherapeutische Behandlung von Depressionen. Dabei kam insbesondere die bei kritischer Betrachtung als zumindest widersprüchlich zu beurteilende Datenlage bezüglich des Nutzens antidepressiver Medikation und die vielfach unterschätzte Rolle des Publikationsbias’ in der pychiatrisch-pharmakotherapeutischen Wissenschaft zur Sprache. Dr. Norbert Hartkamp aus Düsseldorf stellte in seinem Vortrag aktuelle Konzepte der affektiven Kommunikation vor, wie sie in den letzten Jahren in der analytischen Psychotherapie entwickelt worden waren und machte die Bedeutung auch nonverbaler und paraverbaler affektiver Kommunikationen für die Gestaltung therapeutischer Prozesse deutlich.

In der letzten Veranstaltung des Symposiums berichtete der Leiter des deutschen Kompetenznetzwerks “Depression”, Prof. Ulrich Hegerl aus München über europäische Perspektiven einer kollaborativen Forschung auf dem Gebiet der Depression. Dabei stellte er auch die Arbeitsweise des deutschen Kompetenznetzwerks vor und präsentierte eine Studie, in der der Einfluss von öffentlicher Aufklärung und Medienkampagnen auf die Rate von Suizidversuchen im Vergleich zweier bayerischer Städte (Nürnberg und Bayreuth) untersucht worden war. Abschließend stellte Prof. Dr. Ali Saffet Gönül aus İzmir seine Arbeiten mit bildgebender Methodik zur Differenzierung von psychotischer und nicht psychotischer Depression vor.

Das Symposium der DTGPP fand bei den Kongressteilnehmern ein sehr erfreuliches Echo. Die vier Sitzungen waren mit durchschnittlich 50 bis 80 Teilnehmern alle gut besucht, die Diskussionen der Beiträge waren lebhaft und ertragreich.

Viele Kongressteilnehmer äußerten ihr Interesse daran, mit der DTGPP in engeren Austausch zu kommen, am Rande der Veanstaltung ergaben sich eine Reihe von stimulierenden Kontakten, aus denen sich, so hoffen wir, für die Zukunft weitere lohnende Zusammenarbeit entwickeln kann.

 

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